Ministrantenlager "Legenden vergangener Tage"
26. - 30. Juli 2004, Sonnbichleralm
Die große Legende
Einst,
vor vielen Hunderttausenden von Jahren, als die Menschen sich gerade
anschickten, die Bäume zu verlassen, herrschten andere, große und mächtige Völker
über die Welt. Die drei bedeutendsten unter ihnen waren:
die Zauberer, auch Druiden genannt; geübt und geschickt im Umgang mit den
magischen Kräften der Natur, die
Elben, Wesen von großer Reinheit und Schönheit, Meister der spirituellen
Energien dieser Welt und große Verehrer der Sonne und
die Waldläufer, Herren und Beschützer der Pflanzen und der Viehs, unschlagbar
im Umgang mit Schwert und Bogen.
Diese drei Völker verband eine enge Freundschaft, sie halfen und ergänzten sich, wo sie nur konnten und schafften es schließlich, aus der Erde einen paradiesähnlichen Ort zu machen, in dem es keine Furcht mehr und keinen gewaltsamen Tod gab. Es herrschte ewiger Frühling, alle hatten genug zu essen und freuten sich am Leben. Die Menschen, die damals noch eine junge Rasse waren, wurden von den drei großen Völkern liebevoll wie kleine Geschwister behandelt und noch viel später sollte in ihren Erzählungen und Mythen etwas von diesem paradiesischen Urzustand durchdringen.
Doch in den Herzen der drei Führer der großen Völker begann sich die Gier und der Wille nach Macht und Weisheit zu regen. Und so stiegen sie, nach vielen Tausenden von Jahren des Glückes und der Freude, in die Alten Schmieden hinunter, die tief unter dem Namenlosen Gebirge lagen. Einst waren diese Schmieden vom Volk der Zwerge angelegt worden, doch heute, nach dem Wandel der die Welt veränderte, sind sie verschüttet und, wie ihre Erbauer, längst vergessen. Die drei Führer legten viel der Mächte und Kräfte ihrer Völker in ihr Werk und schufen so, nach vielen Jahren harter Arbeit im ewigen Dunkel der Alten Schmieden das kostbarste und schönste Werkstück, das es auf dieser Welt jemals gegeben hat: Den Kelch. Es hieß, wer aus ihm trank, dem wurden die Geheimnisse der Welt und des Universums für eine kurze Zeit offenbart und er besaß das Wissen aller denkenden Lebewesen.
Die drei Führer tranken zuerst aus dem Kelch und da sie diejenigen waren, die ihn geschaffen hatten wurden ihnen große Weisheit und Unsterblichkeit zuteil. Und jedes Mal, wenn jemand aus dem Kelch trank, eröffnete sich ihm neues, wunderbares Wissen, das er vorher nicht gekannt hatte.
Die
drei Führer wurden von jenem Tag an „die Weisen“ genannt und jeder von
ihnen brachte sein Volk mit Hilfe des Kelches zur Hochblüte in Wissenschaft,
Kunst und Reichtum. Es heißt, daß in jenen Tagen mit Gold und Silber
gepflasterte Straßen in den in den Städten der großen Völker keine
Seltenheit waren!
Doch so schön
auch die Selbständigkeit war, die der Kelch den großen Völkern bescherte, er
entfremdete sie voneinander! Denn wenn sie auch einstens aufeinander angewiesen
waren, nun brauchte ein Volk das andere plötzlich nicht mehr!
Und schon bald begann der Neid die Herzen der Völker zu vergiften. Sie sahen, was das Volk, welches gerade den Kelch besaß erfand und herstellte; und sie konnten nicht mehr darauf warten, bis nach einem Jahr endlich auch sie den Kelch ebenfalls für ein Jahr besitzen würden. Es kam zu ersten Verdächtigungen, wie zum Beispiel: “Die Elben haben ein Duplikat des Kelches hergestellt und geben nur mehr dieses weiter; die Druiden haben mit ihm herumexperimentiert und ihn beschädigt; die Waldläufer tragen ihn immer tiefer in ihre Wälder hinein und wollen ihn gar nicht mehr hergeben....!“
Eines Abends kam es zu einem ersten ernsten Zwischenfall: In einer Taverne der Waldläufer gerieten ein Druide, ein Elb und ein Waldläufer in Streit um die Frage, welches Volk denn nun der wahre Besitzer des Kelches sei. Es ging schließlich so weit, das sie ihre Waffen zogen, aufeinander losgingen und sich schließlich umbrachten. Erstes Blut war in einer Welt geflossen, die für den ewigen Frieden angelegt war!
Als dies den Herrschern der Völker bekannt wurde, verlangte jeder von den Anderen Genugtuung und Entschuldigung, doch natürlich weigerte sich jeder, sie dem anderen zu erweisen. So kam es, wie es kommen mußte: Elben, Druiden und Waldläufer rüsteten, aufgestachelt durch ihre Führer, die drei Weisen, gegen die beiden jeweils anderen Völker!
Und zur Tagnacht kam es schließlich zur gewaltigsten Schlacht, die diese Welt je gesehen hatte! Die drei Heere trafen beim Namenlosen Gebirge vor den Toren zu den Alten Schmieden aufeinander und ihr Kampfgeschrei ließ die uralten Bergklüfte erzittern. Jedes dieser Heere umfaßte mehrere hunderttausend Mann und sie alle setzten ihre furchtbarsten und zerstörerischsten Kräfte ein. Dieser Krieg wurde unter dem Namen „Kelchkrieg“ bekannt und es heißt, daß sich durch die damals entfesselten Kräfte und Gewalten das Antlitz der Welt erst zur heutigen Form verändert habe! Die Druiden ließen brennenden Knochenstaub auf ihre Widersacher niedersausen, die Elben riefen das Feuer der Sonne herbei und brannten damit gewaltige Schneisen in die Reihen ihrer Gegner und die Waldläufer wüteten mit ihren Bögen und Schwertern blutig unter ihren Feinden!
Der Krieg tobte drei Jahre doch keines der Völker trug den Sieg davon. Und die drei Weisen sahen, was sie angerichtet hatten: totes, verbranntes Land, wohin sie auch blickten; die Knochen der Berge waren sichtbar geworden und ragten aus dem aufgebrochenen Boden; ihre prachtvollen und reichen Städte, die einstens für soviel Ruhm und Glorie gesorgt hatten, waren dahin. Dem Erdboden gleichgemacht und die Einwohner entweder verschleppt oder getötet! Und die drei einstens Völker, zusammengeschrumpft auf ein paar hundert, einen kümmerlichen Rest, waren schwach und völlig entkräftet!
Und die Weisen fielen weinend auf ihre Knie und verfluchten den Tag, an dem sie den Kelch fertiggestellt und daraus getrunken hatten. Wie sehr wünschten sie sich angesichts ihrer fast vollständig vernichteten Völker selbst den Tod, doch er wurde ihnen nicht gewährt. Die Gnade der Unsterblichkeit, die ihnen der Trunk aus dem Kelch einst gewährt hatte, war zum Fluch geworden! Sie schlossen Frieden, doch in dem Wissen, daß es für ihre Völker keinen Frieden geben würde, solange der Kelch noch existierte. Darum übergaben sie ihn Baumgeistern, die nichts von seiner Macht und Wirkung wußten. Jene trugen ihn tief hinein in ihre dunklen Wälder und er war nicht mehr gesehen.
Die Jahre zogen ins Land, Geschichte wurde Legende, Legende wurde Mythos und was niemals in Vergessenheit hätte geraten dürfen, ging verloren. Niemand, außer den drei Weisen wußte noch um den Kelch; und ihr Wissen wog schwer! Ihre Völker zogen sich müde und entkräftet wie sie waren in verborgene Wälder, Täler und Berge zurück und schwanden dahin.
Die Rasse der Menschen gewann zusehends an Kraft und machte sich die Welt untertan. Und nur mehr in ihren Geschichten, Mythen und Legenden war vom großen Krieg und von Elben, Druiden und Waldläufern die Rede. Und die drei Weißen begriffen, daß nun die Menschen die Herren der Welt geworden waren. Und es heißt, daß sie eines Tages wieder hervortreten und die Menschen um Hilfe zur Rettung ihrer Völker vor dem endgültigen Verschwinden bitten würden. Und vom Ausgang dieses Unternehmens würde nicht nur das Schicksal der drei ehemals großen Völker, sondern auch das Schicksal der Menschen und der gesamten Welt abhängen!
(by Frater Marian)