Text zur Austellung über Vigo: Ein Mensch, im Vergleich zum Ozean klein wie eine Ameise wirkend, blickt auf das unendliche blaue Nass und sieht darin die Unendlichkeit.Er spürt, dass die Wellen des mächtigen Atlantiks noch gegen Galicien schlagen werden, wenn er selbst schon lange begraben ist und sein Körper längst wieder Eins ist mit dem All, dem Kosmos, dem Universum oder ?Gott?…Er spürt und versteht erstmals, dass die Atome, die heute noch seinen Körper formen in nicht so ferner Zukunft (wie kurz ist so ein Menschenleben), vielleicht als Teil eines Marienkäfers, einer Blume oder eines Mistkäfers (man kann nicht immer Glück haben) wiedergeboren werden. Vielleicht fühlt sich dieser Mensch in diesem Moment dem Meer so nahe und verbunden, weil er spürt, dass er eines Tages wieder selbst Teil des Ozeans sein wird. Das Wasser, dass mehr als 70% seines Körpers ausmacht, wird irgendwann über unergrüngliche Wege wieder zurück in den weiten Ozean fließen. Er schaut aufs Meer und ist sich der Magie des Augeblicks bewusst. Für wenige Momente, vielleicht ist es nur die Zeitspannes eines Wimperschlages (er hat jedes Gefühl für Zeit verloren), fühlt er tief in sich wie kostbar das ihm geschenkte Leben ist. Er beobachtet eine Welle aus der Ferne heranrollen. Näher und näher kommt sie ihrem unabänderlichen Schicksal. Noch strebt sie voller Energie und Schönheit voran, doch bald wird sie auf die felsige, erbarmungslose Felsenküste treffen und für alle Zeiten zerfallen. Vielleicht versteht er beim Anblick des ewigen, heiligen Kommen und Gehens der Wellen, dass das ganze Leben nach diesem Prinzip funktioniert: Nichts Neues kann entstehen, ohne dass das Alte dafür Platz macht. Er schließt jetzt die Augen und lenkt seine ganze Konzentration auf das Rauschen der Wellen. Dieses Donnern und Rauschen kommt und geht, wird lauter und leiser. Er hört wie die Welle heranschnellt und wie sie sich nach ihrer Explosion über Milliarden von Sandkörnern wieder in den Ozean zurückzieht. Er hört den Atem des Meeres. Ein und Aus. Er fällt tiefer und tiefer in Sich und ohne sich dessen bewusst zu sein, wird das Rauschen des Meeres zum Rauschen seines Atems. Es ist das gleiche Geräusch der Wellen, dass er hört, wenn er mit geschlossenen Augen sich ganz und gar auf die Geräusche seines Atems konzentriert. Während er langsam ein und aus atmet versteht er es. Es wohnt auch ihn inne. Dieses unwiderrufliche, ewige, zyklische Gesetz vom Kommen und Gehen. Er öffnet wieder die Augen und ist zurück in der Realität. Das Rauschen seines Atems ist wieder das Rauschen der Wellen. Er ist wieder er. Er schmunzelt und blickt glücklich auf sein geliebtes Meer. Er hat in diesen kostbaren Minuten (oder waren es nur Sekunden) verstanden. Er hat das Prinzip des Lebens gefühlt, er hat die Regeln des Universums gesehen.Er sieht die Unabänderlichkeit des eigenen Todes klar vor sich, doch er ist ist glücklich wie nie zuvor. Denn er weiß er wird nie allein sein, denn alles ist mit ihm verbunden und stirbt auch eines Tages sein Körper und verfällt dieser für nur einige Jahrzehnte so zufällig zusammengewürfelte Zellhaufen, so wird ein Teil von ihm doch für immer leben. Vielleicht in einem Schneeglöckchen, dass nach einem langen Winter, über seinem Grab hervorsprießt. Millionen von Jahren später später in einem Staubkorn, dass lange nachdem die Erde aufhörte zu existieren, für alle Ewigkeiten durch das Universum segelt... Thomas Borstner, 22. Februar 2005 - Costa da Morte (Todesküste) Galicien

 

 

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