Volk, Nation und Staat in Herders Europa-Utopie.

© Josef G. Pichler 1998


Das von der Aufklärung geprägte Bild vom Menschen sieht ihn hauptsächlich als Vernunftswesen. Was sich nicht rational begründen läßt, ist zweitrangig, zufällig, rückständig, jedenfalls kontraproduktiv gegenüber der angestrebten Emanzipation des Individuums.

Dieser Auffassung von Vernunft begegnet Herder mit Skepsis und verweist darauf, daß diese nicht angeboren ist, sondern ein Vernommenes, eine gelernte Proportion der Ideen und Kräfte, zu welcher der Mensch nach seiner Organisation und Lebensweise gebildet worden.(1)

Die Vernunft, gemeint ist die Fähigkeit Wahrnehmung und Gedanken zu ordnen und sie als Handlungsantriebe zu erkennen, bildet sich erst allmählich in der Interaktion zwischen Mensch und Mensch bzw. Mensch und Welt. Sie verdichtet sich, laut Herder, in der Sprache. Daraus folgt für ihn, daß Vernunft, Sprache und menschliches Handeln nur in abstrakten Theorien getrennt denkbar sind, weil sie immer gemeinsam auftreten.

Auch Menschen treten meistens gemeinsam auf, so daß für Herder nicht das Individuum, sondern die Gruppe die kleinste Einheit von Menschheit darstellt. Er sieht die Organisation in sozialen Verbänden als anthropologische Konstante, und nicht als Forderung der praktischen Vernunft. Der empirische Ort der Sozialisation des Einzelnen ist die Familie. Die innerfamiliäre Existenz ist sozusagen Naturgesetzen unterworfen.

Machtausübung solle nur der Krisenbewältigung dienen, nicht die Liebe zur Macht sondern die Macht der Liebe solle herrschen.

Die Familie kann und darf, schon aus Arterhaltungsgründen, nicht in sich geschlossen bleiben und es ergeben sich durch notwendige soziale und ökonomische Außenbeziehungen größere Gemeinschaften, die sich entsprechend ihrer natürlichen Umgebung entwickeln - zu einem Volk, einer Nation. Die Vorstellung, ursprünglich in Konflikt geratene Individuen seien aus reiner Vernunft einen Vertrag eingegangen und hätten den ersten Staat gegründet, ist für Herder bloßes theoretisches Konstrukt ohne faktische Grundlage.

Er vertritt hier eine Klimatheorie der Kulturentstehung, und erklärt damit auch die kulturellen Differenzen und unterschiedliche Entwicklungsgrade gewisser Fertigkeiten und Techniken.

Auf Europa bezogen wäre also aus einem Familienidyll ein Völkeridyll geworden.

Wäre, denn:

Horden von Barbaren überfielen den Erdteil; ihre Anführer und Edlen teilten unter sich Länder und Menschen. Daher entsprangen Fürstentümer und Lehen; daher entsprang die Leibeigenschaft unterjochter Völker...(2)

Und seitdem herrscht Krieg und das Recht des Stärkeren. Entschieden wendet sich Herder gegen die dynastische Vererbung der Regierungsgewalt und übt sich in scharfer Polemik gegen

die unnatürliche Vergrößerung von Staaten, die wilde Vermischung der Menschengattungen und Nationen unter einem Zepter. Der Menschenzepter ist viel zu schwach und klein, daß so widersinnige Teile in ihm eingeimpft werden könnten [...]

Solche Gebilde erscheinen ihm

[...] wie die Symbole der Monarchien im Traumbild des Propheten, wo sich das Löwenhaupt mit dem Drachenschweif und der Adlersflügel mit dem Bärenfuß zu einem unpatriotischen Staatsgebilde vereinigt.

Aber schließlich zeigt die Geschichte doch immer,

daß diese Werkzeuge des menschlichen Stolzes von Ton sind und wie aller Ton auf der Erde zerbrechen und zerfließen.(3)

Es ist zu betonen, daß, was hier so scheinbar nationalistisch tönt, gegen die zwanghafte Vermischung von Nationen unter einer diktatorischen Regierung gerichtet ist, und nicht gegen einen freien Austausch zwischen Kulturen! Denn auch im Staat sollte, wie in der Familie, Macht nur zur Krisenbewältigung ausgeübt werden. Die staatliche Verwaltung sollte nur die Werkzeuge für die bestmögliche Entwicklung und kulturelle Entfaltung einer Volksgemeinschaft bereitstellen, und freien Austausch mit anderen gewährleisten.

Außerdem geht aus Herders Formulierungen hervor, daß er Volk, Staat und Nation beinahe synonym verwendet und damit eben eine wie oben ansatzweise beschriebene Organisation von Menschen bezeichnet, geprägt durch den geographischen Ort ihrer Entfaltung und begrenzt nur durch den Gebrauch einer gemeinsamen Sprache.

Die Differenzen in der Entwicklung der verschiedenen Völker/Nationen/Staaten bedeuten dabei niemals eine qualitative Wertung, sondern sind, auf der Basis des friedlichen Austausches, sogar Erkenntnisquellen des eigenen Wesens, weil die eigene Logik und der universale Anspruch der eigenen Weltauffassung relativiert werden.

Die Grundlage auf der sich friedlicher Austausch zwischen Völkern entwickelt, ist der Austausch von Gütern - der Handel. Herder sieht in der Hanse ein Modell:

... erzeugte sich ein weitverbreiteter, aus vielen Gliedern zusammengesetzter Handelsstaat, auf echte Grundsätze der Sicherheit und Gemeinhülfe gebauet, wahrscheinlich ein Vorbild des künftigen Zustandes aller handelnden europäischen Völker.(4)

Gerade in Europa erscheint Herder der lose Zusammenschluß unabhängiger regionaler Kulturen noch durch die natürlichen Umweltbedingungen begünstigt:

Vergebens hatte die Natur diesen kleinen Weltteil nicht mit sovielen Küsten und Buchten begrenzt, nicht mit sovielen schiffbaren Strömen und Meeren durchzogen; von den ältesten Zeiten an waren auf diesen die anwohnenden Völker rege. Was den südlichen Europäern das Mittelländische Meer gewesen war, ward den Nordeuropäern die Ostsee: ein früher Übungsplatz der Schiffahrt und des Verkehrs der Völker.(5)

Die föderative Organisation der Handelsstädte als Vorbild läßt den Schluß zu, es ginge nur um einen utilitaristischen Austausch von Güten. Aber: Handel zwischen Nationen ist nicht denkbar ohne Kenntnis der Bedürfnisse und Interessen sowie der Entstehungsbedingungen und Gebrauchsmöglichkeiten der getauschten Güter, d.h. neben dem Güteraustausch gibt es immer einen symbolischen, einen kulturellen Austausch, der den Eigenwert fremder Kulturen erkennen läßt.

Ein zentraler Gedanke dieser Anschauung ist der Lerneffekt der sich daraus ergibt, daß fremde Kultur als gleichwertig und zugleich different erfahren wird. Der Güteraustausch wird Anregung zur Reflexion des eigenen geschichtlichen Standortes und der eigenen kulturellen Tradition.

Möglichst früh solle dies den Menschen zu Bewußtsein gebracht werden, meinte der Pädagoge Herder, denn: Die Ungleichheit der Menschen ist nicht so groß, wie sie durch Erziehung wird.

Auch hier sieht er die Kaufleute als Vorbilder:

Kaufleute, Feinde von allem Zwange [...] schickten ihre Söhne nach einer auswärtigen Schule die damals wegen einer besseren Lehrmethode berühmt wurde [...] Diese kamen womöglich mit ihrem dort in Verfolgung geratenen Lehrer zurück und zündeten hier das erste Licht an, das man damals nicht „Aufklärung“, sondern dreister „Reformation“ nannte.

Aber natürlich ist, wo Handel herrscht, auch nicht alles eitel Wonne. Die oben zitierte Textpassage über die Hanse beginnt so:

Seitdem die Slawen einen großen Teil der baltischen Küsten besaßen, wurden von ihnen längs derselben blühende Handelsstädte errichtet; die deutschen Völker auf den Inseln und der gegenseitigen Küste wetteiferten mit ihnen und ließen nicht eher ab, als bis des Gewinnes und Christentums willen dieser Handel der Slawen zerstört war. Jetzt suchten sie an ihre Stelle zu treten ...(6)

ja und dann erzeugte sich erst der angeblich auf echte Grundsätze der Sicherheit und Gemeinhülfe gebaute Handelsstaat.

Herder beschreibt Idealzustände, und es ist meiner Ansicht nach verzeihlich, wenn manches von ihm herangezogene historische Beispiel bei näherer Betrachtung nicht ganz stimmig ist.

Von der Familie als Ort der Sozialisation ausgehend, die erst durch notwendige Beziehungen nach außen in sich stabil bleibt und sich ökonomisch und kulturell entwickeln kann, entwirft Herder ein dem entsprechendes Bild einer Nation (Volk, Staat).

Er lehnt künstliche Grenzziehung ab und anerkennt nur die zwar erkennbare aber durchlässige Grenze der Sprachgemeinschaft, und sieht keine kulturelle Grundlage des Territorialstaates, der nur mit militärischer Gewalt zu stabilisieren ist. Ebenfalls ohne Grundlage ist für ihn jede durch einen Gewaltakt errichtete despotische Regierung, gleichviel ob absolute Monarchie oder die der Jakobiner im nachrevolutionären Frankreich. Seine Idealnation ist frei von militärischem Chauvinismus und Rassismus, und bildet sich durch klimatisch bedingte natürliche Affinitäten und fruchtbaren Beziehungen zu anderen Nationen.

Zur Beschreibung dieses politischen Idealzustandes wäre der biologische Begriff der Osmose ganz gut geeignet. Osmose bezeichnet den Stoffwechsel lebender Zellen, bzw. deren Regulierung des Wasserhaushaltes: Erst durch Austausch über durchlässige Grenzen hinweg erhält die Zelle ihre Stabilität und Form.

Die politischen Theorien Herders wurzeln in seiner religiösen Weltsicht. Seine ideale Familie ist die christlich patriarchale, über die ein liebender Hausvater seine schützende Hand hält. Diesem entspricht auch die Funktion einer Regierung. Grundlegend ist auch das Begreifen von Geschichte als Heilsgeschichte und der Gattung Mensch als eine unfertige.

Aber zum Glauben an die Perfektibilität des Menschen kommt auch das Wissen um dessen Korruptibilität. So ganz von selbst entsteht also noch keine bessere Gesellschaft, weil eben die innerfamiliäre und analog die innerstaatliche Existenz zwar quasi naturgesetzlich festgelegt ist, die Art der Außenbeziehungen aber auf freien Entscheidungen beruht. Zur Risikobegrenzung scheut sich Herder deshalb nicht z. B. ein Verbot von antireligiösen Schriften, die Kontrolle der Leihbibliotheken und eine offizielle literarische und wissenschaftliche Kritik durch die Akademien, mit einem Wort Zensur, zu fordern.

Die gegenwärtige europäische Entwicklung zeigt in manchen Bereichen Herder geradezu als Propheten, wenngleich sein aufklärerischer Optimismus wie auch seine religiös-romantische Sicht von Natur und Kultur naiv erscheinen. Der Kommerz als Vater aller Dinge ist, in der Ausprägung heutiger Konsum- und Mediengesellschaften, auch nicht das Wahre. Aber daß sich die positiven Aspekte der Aufklärung nicht durchgesetzt haben, ist weniger die Schuld der Aufklärer, als die der Politiker.

(1) Johann Gottfried Herder. Sämtliche Werke. Hrsg. von Suphan, Redlich et al. Band 13, S.145.[zurück zum Text]

(2) ebd. S.348f.[zurück zum Text]

(3) ebd.[zurück zum Text]

(4) Bd. 14, S.448ff.[zurück zum Text]

(5) ebd.[zurück zum Text]

(6) ebd.[zurück zum Text]